Heidi, der Erdenengel

Kindheit mit einem psychisch kranken Elternteil

Tante Heidi

Erdenengel im Kindergarten

In meiner dichten und fremdbestimmten Kindheit durfte ich, fünf Jahre alt, nachmittags in den Kindergarten. Ich fühlte mich einfach hineingesetzt, abgegeben, war dort, ohne wirklich zu wissen weshalb. Aus meiner heutigen Perspektive ist mir klar, dass ich zur damaligen Zeit schon sehr traumatisiert war. Ich habe vieles einfach angenommen, weil es so war wie es war und ich es nicht anders kannte. Ich wurde sehr viel mit Angst gelenkt. In dem damaligen Alter war ich nicht in der Lage zu hinterfragen, oder mir überhaupt zu erlauben, die Entscheidung meiner Mutter in Frage zu stellen, oder an ihrer Ehrlichkeit zu zweifeln. Obwohl mir manches sehr schräg vorkam und, wenn sie den Bogen überspannte, ich einfach meinen Willen durchsetzte. Was harte Strafen mit sich brachte. Mit dem Kindergarten hatte ich keine Wahl- kurz und schmerzlos, ohne viel Eingewöhnungszeit…

Meine Kindergärtnerin hieß Heidi, für mich Tante Heidi und der größte Engel meiner Kindheit. Ich liebte diese Frau.

Wir Kinder waren sehr oft im Garten und spielten unter großen Kastanienbäumen. Ich erinnere mich an die Holzbank, auf der die drei Kindergärtnerinnen saßen. Immer wenn ich wollte und ich wollte sehr oft, kroch ich bei Tante Heidi auf den Schoss, genoss ihre Wärme und lies mir Geschichten aus ihren tollen Büchern vorlesen. Das war eine sehr schöne Zeit. Diese Frau hat mir sehr viel für mein Leben mitgegeben. Ihre Güte, ihre Wärme, ihre Geduld, ihr gutes Herz und ihre mütterliche Art prägten mich und stimmten meine eigenen weichen Seiten an. Ich hatte sie später, als ich schon eingeschult war, nach Schulende immer wieder im Kindergarten besucht. Zuletzt bin ich ihr als erwachsene Frau beim Einkaufen begegnet, wir freuten uns und plauderten fröhlich. Wochen später verstarb sie leider an Brustkrebs. Bei ihr habe ich gespürt, sie mochte mich. Durch Tante Heidi habe ich früh gelernt, dass es Erdenengel gibt und das es Menschen gibt, die in der Lage sind mit ihrer Zuwendung Lücken zu füllen.

So habe ich für mein Leben begriffen, dass niemand verloren ist, dass Eltern immer ihr Bestes geben. 

Bislang kannte ich nur meine innere Stimme, die mir Sicherheit gab- nun auch ein menschliches Wesen: Tante Heidi.

Ein Kind sucht auf natürliche Weise seine Bedürfnisse zu befriedigen. Ich bin heute noch meiner Mutter dankbar, dass sie meine Verbindung zu Tante Heidi nicht unterbunden hat. Da ich sie als sehr manipulativ kannte, hätte das gut möglich sein können. Doch ich glaube, meine Mutter konnte mein Bedürfnis nach Nähe nicht erfüllen.

Heidi hat mir gelernt, dass ich kommen darf und gehen kann wann ich will. Sie war da, hat mich aber auch wieder losgelassen ohne Druck ohne Zwang, egal ob das Buch fertiggelesen war, oder ein Freund kam der mich zum spielen abholte. Sie ließ mir meinen Willen.

Ich bin heute noch sehr berührt von Heidi´s, für die damalige Zeit, fortschrittliche Weise mit Kindern umzugehen.

Zudem erinnere ich mich gruselig an die Kindergärtnerin Ula, die ihr „heiliges Klavier“ hütete und, wenn wir uns zum Klavier schlichen um auf den Tasten Töne auszuprobieren, harsch den Holzdeckel über unseren Händen zuschlug, was oft schmerzhaft war und mich dazu bewegte sie noch mehr zu provozieren.  Auch solche gab´s. Ich mochte sie nicht.

Wenn ich heute Kinder in ihrem Leben, mit ihrem Bedürfnissen begleiten darf, lenke ich die Aufmerksamkeit immer auf das, was dem Kind in diesem Moment wichtig ist. Alles, was mir gut tat- wende ich an. Führung ohne zu klammern, Nachsicht ohne Vorwurf, Respekt vor dem Kind und Selbstreflektion.

Oft kommen Kinder in die Praxis, denen vermittelt wurde: mit dir stimmt was nicht!

Ist das wirklich so? Nein!

Vielleicht ist es für diese Gesellschaft bequemer Kinder konform zu machen. Passend- funktional. Doch frage ich eindringlich: Ist Unterschiedlichkeit nicht ein Gewinn?

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